TILT!

Es war ein Erlebnis, ganz ohne Frage. Da latscht man mal locker flockig 20 Minuten durch den Regen zum Malteserkeller, um mal eine neue Kneipe zu testen und dann das. Es war nicht meine Idee, das mal vorneweg! Sieben Euro wollten sie am Eingang von uns haben, weil doch heute abend Livemusik zu hören sei. Nach entsprechender Rückfrage wurde uns die zu erwartende Darbietung als elektronische Avantgarde beschrieben, die man in gut sortierten Fachgeschäften unter Jazz, in schlecht sortierten hingegen nicht finden könne. Einige CDs wurden an der Kasse drappiert.
Wir haben gezahlt. Manch einer würde sich eventuell geneigt fühlen, die Vokabel »Lehrgeld« hinzuzufügen.
Was uns dargeboten wurde, ist kaum in Worten wiederzugeben. Ich versuche es trotzdem — weil ich nicht anders kann.
Einer der vier Akteure, Lukas Simonis aus Rotterdam, leitete das Spektakel mit einem witzigen Spruch ein und stellte das Ensemble vor. Seine Mitstreiter waren Nina Hitz aus Zürich und die Bohman Brothers aus London. Darüber hinaus waren ein Cello, eine modifizierte E-Gitarre, eine noch viel stärker modifizierte Balalaika und unglaublich viel Krempel mit von der Partie.
Nach den ersten Tönen sahen wir uns alle etwas ungläubig und fragend an, entschlossen uns dann aber, erstmal abzuwarten. Nach zwanzig Minuten habe ich aufgehört, die Kamera zu suchen. Auch die Hoffnung, dass Hape Kerkeling oder sonst ein Fernseh-Spaßvogel auftauchen würde, erlosch. Anscheinend war es ein ernstgemeinter Auftritt. Nun ja… was man so ernst nennt. Sowohl die wenigen Zuschauer (wir stellten knapp 50%), als auch die Virtuosen selbst konnten sich hin und wieder das Lachen nicht verkneifen. Zwischenzeitlich habe ich für einige Sekunden einen ernst lauschenden Gesichtsausdruck heucheln können, aber nicht länger. Ich war fassungslos und bin es irgendwie immernoch. ABSOLUT UNFASSBAR!!! Ich kann damit so überhaupt gar nichts anfangen. Null. Ein wildes Rumgequietsche und Geklackere, Gescharre und Geschrappe, ein Gezurre und Gezupfe, Akustikterror allererster Güte. Insbesondere die Bohman Brothers heben sich von allem ab, was in meinem Kopf bis heute unter dem Begriff »Musik« eingeordnet war. Die beiden Jungs machen einfach Geräusche. Mit allem, was ihnen in die Finger kommt. Da steht ein großer Tisch mit Gerümpel, den sie auf vielfältige Art und Weise zum klingen bringen. O-Ton Holger: »Tja, wenn Filmvertonen zu langweilig wird, gibt man halt nen Konzert.«
Es scheint ganz so. Eine Melodie kann man sich mal direkt und ganz abschminken — wo kämen wir denn da hin? Hah! Neee, nicht mit den Bohman Brothers! Die Jungs sind aus anderem Holz geschnitzt. Rhythmus? Nur gelegentlich erkennbar — entweder Zufall oder ein Sample vom Band. Während man Nina Hitz (Cello) und Lukas Simonis (Gitarre) noch musikalische Fähigkeiten bezüglich ihrer Instrumente bescheinigen muss, begnügen sich die beiden britischen Brüder damit, beispielsweise verschiedene Gegenstände schlicht auf den Tisch fallen zu lassen – Hut ab! Mit einigen Tonabnehmern, die sie beliebig an ihren Instrumenten befestigen, leiten sie den kruden Krach auf die Boxen. Akustische Rückkopplungen fallen fast nicht auf. Was die Jungs da abziehen, ist sagenhaft. Da bleibt kein Auge trocken und kein Mundwinkel unten. Ich weiß immernoch nicht, ob ich über sie lachen oder sie bemitleiden soll. Ich könnte jetzt noch viele Adjektive anführen, bei dem Versuch, das Erlebte zu beschreiben, aber es hat einfach keinen Zweck. Ich hab‘s nicht kapiert, nicht in meinen Kopf reinbekommen. Keinen Zugang. Diese Schnittstelle fehlt mir einfach. Absolute Überforderung – tilt!
Ach, einen kleinen Vergleich habe ich: Manchmal klang es wie Live-Aufnahmen aus dem Urwald… fand ich.
Die Krönung kam — ganz wie es sich gehört — zum Schluss. Da wurden nämlich samtliche geräuscherzeugenden Hilfsmittel gemieden. Statt dessen holte jeder der vier einige Zettel hervor. Auf diesen waren anscheinend einige Posen abgebildet. Ich ahnte, was kommen würde, und die Filmszene mit der Performance aus The Big Lebowski lief vor meinem inneren Auge ab. Ich lag nicht falsch. Alle vier vollführten aberwitzige Bewegungen und stellten die Figuren, die auf dem Papier gezeigt waren nach (siehe Bilder). Dabei brabbelte mal der eine, mal der andere und mal alle gleichzeitig irgendwas improvisiertes. Der absolute Hammer. Ich hätte am liebsten 20 pencams gehabt, doch leider… Nun ja, immerhin konnte ich eine kurze Sequenz der Abschlussdarbietung (1,9 MB Quicktime) festhalten.
Fazit: Für die einen ist es elektronische Avantgarde, für mich ist es unfassbarer Müll. Immerhin gab es auch Bier.